Martinskirche in Weil im Schönbuch

Die Martinskirche vom Kirchgarten aus

Martinskirche vom Kirchgarten aus

Der 800 Jahre alte Turm der Martinskirche mit Chorraum

Turm und Chorraum der Martinskirche

Anschrift: Marktplatz, 71093 Weil im Schönbuch


Kurzführer zur Martinskirche

Der neueste Kurzführer zur Martinskriche kann hier herunter geladen werden.

Geschichte der Martinskirche

Martinskirche

Die gotische Kirche wurde anstelle einer im 12. Jh durch die Pfalzgrafen von Tübingen errichteten romanischen Kirche erbaut. Sie war eine Wehrkirche, zu der auch eine starke Mauer gehörte. Lediglich der Turm, den wir auf etwa 1180 datieren, stammt noch von der Vorgängerkirche. Er zeigt heute noch Schießscharten. Erbaut wurde diese Kirche von den Bebenhäuser Mönchen, die im 13. Jh durch Schenkung in den Besitz von Dorf und Kirche kamen. Unter Abt Bernhard Rockenbauch ist der Bau, beginnend mit dem Chor ab 1480 und endend mit dem Langschiff um 1508, entstanden. Die Erneuerung des Dachstuhls erfolgte 1766. Im Jahre 1904 wurde die Vorhalle gegen den Marktplatz mit Treppe zur Empore angebaut. Die Martinskirche war lange Zeit Tauf- und Mutterkirche für 11 Filialen.

Beschreibung der Martinskirche

Das Kirchenschiff

Kirchenschiff der Martinskirche

Die Kirche besticht durch ihre Helligkeit, die Schlichtheit ihrer Formensprache und die sparsame Ausstattung. Das heutige Aussehen, mit der Orgel im Chorraum und einer vergrößerten Westempore, verdankt sie einer gelungenen Renovierung im Jahre 1967 durch den Stuttgarter Architekten Prof. Heim. Dominierend sind die barocke Orgel, die bunten Fenster und die beiden Epitaphien links und rechts des Chorbogen.

Epitaphien (Totengedenktafeln)

Die Gedenktafel links neben der Kanzel, für den Magister Johann Ulrich Beckh angefertigt, sagt aus, dass Pfarrer Beckh 1605 in Stuttgart geboren wurde, 7 Jahre in Nagold, 7 Jahre in Stuttgart und 35 Jahre in Weil wirkte und mit 70 Jahren hier verstarb. Sein Bildnis ist nebst dem seiner Frau ganz oben zu sehen. Das Hauptbild stellt Elia auf feurigem Wagen dar, der seinem Nachfolger Elisa den Prophetenmantel zuwirft.

 

Das rechte Epitaph ist noch prunkvoller gestaltet. Es soll an den Magister Jacob Andreas Osiander erinnern, der 1650 in Dagersheim geboren wurde und 1710 verstarb. Als Pfarrer war er 3 Jahre in Reinerzau, 12 Jahre in Aidlingen und 16 Jahre in Weil tätig. Als Bild wird ein Schiff in schwerem Sturm gezeigt, als Sinnbild für sein eigenes „mueseeliges“ Leben. „Gekrönt“ ist das Epitaph von den Bildnissen des Pfarrers und seiner Gattin.

Die Kanzel

Der Evangelist Johannes an der Kanzel

1904 eingebaut, zeigt auf 4 Seiten die vier Evangelisten und auf der 5. Seite das Wappen der Stifterfamilie von Biberstein (entworfen von Prof. Rudolf Yelin, Stuttgart).

Das Kruzifix

ist ein spätklassizistisches Werk von 1857, aus Eichenholz, von Bildhauer J.G. Zaiser aus Stuttgart geschnitzt. König Wilhelm I. hat die Hälfte der Kosten gestiftet.

Der Taufstein

Der vom damaligen Pfarrer Orth gespendete Taufstein wurde 1741 vom Stuttgarter Bildhauer Gäckle aus einem Stück, aus Sandstein, gefertigt.

Die Orgel

Orgelmanual

Was den Raum so feierlich macht, ist das imposante Prunkstück der Martinskirche, die von G.F. Schmahl aus Heilbronn erbaute Barockorgel (1755?). Der Platz auf der Empore hinter dem Altar ist sehr gut gewählt, weil der Chorraum durch den angebauten Turm kein Ost- und Nordostfenster erhalten konnte. 1982 wurde die Orgel von J.W. Braun aus Rosenfeld-Bickelsberg restauriert und mit neuem Rückpositiv ergänzt. Braun hat den Prospekt des Zusatzwerkes dem Hauptwerk so angepasst, dass es sich kaum vom barocken Original unterscheiden lässt. Die Orgel hat jetzt 21 klingende Register und 1300 Pfeifen, die auf zwei Manualen und einem Pedal gespielt werden.

Das Chorfenster

Das große Fenster an der Südostseite des Chores ist in seiner Farbigkeit stark genug, um gegen den Orgelprospekt bestehen zu können. Dieses Werk des Glasmalers Adolf Saile aus Stuttgart entstand im Jahre 1967. Es ist ein Offenbarungs- und zugleich ein österliches Fenster. Die von unten nach oben heller werdenden Farben deuten Erde und Himmel an. Im Mittelpunkt, in einer Mandorla, steht das Siegeslamm, von dem Ströme lebendigen Wassers ausgehen, und auch das Blut der Erlösung fließt. Im oberen Sektor des Bildes leuchten 12 Perlen als Tore zum himmlischen Jerusalem. Im unteren Teil symbolisieren links und rechts des Lebensbaumes noch leuchtende und schon erloschene Lampen das Gleichnis der 5 klugen und 5 törichten Jungfrauen.

Das Tauffenster im Süden (Kirchgarten)

Tauffenster im Süden (Kirchgarten)

Das Tauffenster an der Südwand des Kirchenschiffs wurde 2005 von Fritz Mühlenbeck aus Weil-Neuweiler gestaltet. Eine ganz moderne Auffassung von Glaskunst ist hier zu sehen. Dabei bestehen die hellen Flächen nicht aus farblosem, sondern aus mundgeblasenem, mehrschichtigem farbigem Glas, aus dem die Motive mit Hilfe von Flusssäure und Sandstrahlgerät herausgearbeitet sind. Im obersten Teil stellt sich der Künstler eine himmlische Sphäre vor: In gelb-orange leuchtet das „göttliche Licht“. In der Mitte gehen Menschen jeden Alters auf Jesus zu, um sich taufen zu lassen. Das göttliche Licht, Jesus und die stilisierte Taube oben rechts im Maßwerk zeigen, dass die Taufe im Namen des drei-einigen Gottes erfolgt. Der Bildtext stammt aus einem Tauflied von Martin Luther (EG 202). Eine Verbindung zum Chorfenster ist durch das Thema Wasser gegeben.

Das Abendmahlsfenster im Norden (Marktplatz)

Abendmahlsfenster im Norden (Marktplatz)

(vorgestellt am 1. Juni 2008)

Das Abendmahlsfenster handelt von Liebe, Versöhnung und Vergebung. Bei der Darstellung des Abendmahls ist bereits das österliche Geschehen der Auferstehung - in all seiner emotionalen Bewegung - mit eingeflossen. Im Zentrum des Fensters ist Jesus mit Brot und Wein zu sehen, umgeben von seinen Jüngern. Kelch und Brot sind besonders hervorgehoben. Die Jünger aßen und tranken davon, und auch die gesamte Christenheit feiert bis heute das Abendmahl mit Brot und Wein. Jesus steht im Mittelpunkt zweier Lichtebenen. Im mittleren Teil leuchtet ein Lichtstrahl auf die Menschen über die Gestalt Christi herab und spiegelt sich im Wasser des untersten Feldes. Dieses Licht geht von den Menschen zurück zu Gott. Es zeigt die Zwiesprache der Menschen mit Gott und symbolisiert die Versöhnung Gottes mit den Menschen durch Jesus Christus im Abendmahlsgeschehen. Ein zweites Lichtband verläuft waagerecht in der mittleren Ebene und wiederum steht Jesus im Zentrum. Diese zweite horizontale Ebene symbolisiert die Versöhnung der Menschen untereinander im Abendmahlsgeschehen. Dies wird dadurch verdeutlicht, dass sich einige Jünger einander zuwenden, sich anschauen und in Frieden kommunizieren. Die dargestellten Jünger könnten auch Menschen von heute sein. Sie sind absichtlich nicht identifizierbar ausgeführt. Sie sind zeitlos. Beide Lichtebenen zusammen deuten ein Kreuz an. Es ist das Lichtkreuz des österlichen Geschehens mit der Auferstehung. Unterstützt wird dieser Gedanke noch durch grüne Farbschattierungen. Die Farbe Grün ist ein Symbol für den auferstandenen Christus. Wie im Tauffenster auf der gegenüber liegenden Seite sehen Sie auch hier im unteren Teil in Glas dargestelltes Wasser, in diesem Fall als Symbol für das Evangelium. Jesus sagt: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten. (Joh. 4/14).

 

Technik:

Das Fenster besteht aus mundgeblasenem echt Antik-Glas, von einer Glashütte im Oberpfälzer Wald hergestellt. Es besteht aus zwei miteinander verschmolzenen, verschieden farbigen Glasschichten. Die obere farbige Glasschicht wurde im gesamten Fenster mehr oder weniger stark mit Flusssäure abgeätzt. Dadurch entstanden besonders subtile Schattierungen, Zeichnungen und Linien im Glas. Nur an wenigen Stellen wurden die Linien noch durch das Auftragen zarter Konturen mit dem traditionellen Schwarzlot ergänzt und eingebrannt. Der Text im unteren Teil des Fensters stammt aus dem Katechismus von Martin Luther: „Für Euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit“.

Das Martinsfenster

Der Namenspatron der Kirche, der Heilige Martin, ist im Westfenster über der Empore dargestellt und wie das große Chorraumfenster 1967 von Glasmaler Saile geschaffen worden. Es zeigt die wohl bekannteste Legende des Heiligen, die Mantelteilung mit einem Bettler vor den Toren von Amiens. - Dieses Ereignis kann auch als Metapher für ein Christentum der Tat gesehen werden.

Der Chorraum

Das Verhältnis von Breite zur Höhe des Chorbogens entspricht dem Goldenen Schnitt. Das ursprüngliche gotische, baufällig gewordene Gewölbe wurde 1904 durch ein „Kreuzrippengewölbe“ aus Stuck ersetzt. Im Chor finden wir alte Grabsteine, darunter den ältesten von 1510, vom letzten Herrn von Weil (Jörg C.) mit einem Brezelemblem als Lebenszeichen und, an der Südseite, von einem unbekannten Adligen mit Helfensteiner Mütze aus dem Jahre 1561. Der Grabstein des Sohnes von Pfarrer Jacob Andreas Osiander und seiner Frau Margaretha geb. Beck ist an der Nordseite des Chores angebracht. Er erzählt dessen Lebens- und Todesgeschichte. An der Nordwand befinden sich außerdem zwei in Stein gehauene und farbig gefasste Wappen von ehemaligen Pflegern aus Weil, datiert auf 1562 und 1583.

Die Sakristei

(nur mit Führung zu besichtigen)

Das Gewölbe in der Sakristei ist - im Gegensatz zu dem im Chorraum - echt. Unter Abt Reinhard von Beben-hausen (Truchsess von Höfingen) erhielt das Erdge-schoss des Turmes im Jahre 1441 ein gotisches Kreuz-gratgewölbe, das sich bis heute erhalten hat. Die jetzige Sakristei diente als Chorraum. Die Martinskirche war demnach eine der in Süddeutschland weit verbreiteten Chorturmkirchen. Aus der Bauzeit haben sich die Fres-ken in den Gewölbezwickeln und an einer der Wände recht gut erhalten. Sie zeigen die Symbole der vier Evangelisten und das Siegeslamm. An den Wänden sind die Namen aller Pfarrer von Weil, seit der Reformation, festgehalten. Eine Kostbarkeit ist das kleine, nur etwa 30 mal 55 cm messende Fenster der Sakristei. Die Bildunterschrift nennt das Entstehungsjahr 1522. Es wurde aber erst 1967 eingebaut. Prof. Heim hat es aus seinem Familienbesitz gestiftet. Das Bild stellt die Anbetung der Könige dar. Maria in blauem Gewand hält das Jesuskind, das ein lebhaftes Interesse an der dargereichten goldenen Schatulle zeigt. Im Hintergrund des tempelartigen, zur Landschaft offenen Gebäudes - alles andere als ein Stall - , sieht man ein angreifendes Heer. Im Vordergrund nagt ein kleiner Hund, Symbol für Glaubenstreue, an einem Knochen.

Der Kirchgarten an der Südseite

Hier ist mit der Wehrmauer noch ein Stück Mittelalter lebendig. Die „Altane“ kann über die südliche Emporentreppe am alten Rathaus, dem ehemaligen Pfleghof, betreten werden kann. Man lasse sich den Ausblick auf den Schönbuch und die Kirchensüdseite nicht entgehen!

An der Kirche selbst sind weitere Grabplatten und Grabinschriften angebracht, da der Kirchgarten bis 1823 der einzige Friedhof von Weil war.

Die Glocken

Eine der vier Glocken

Mehr über die vier Glocken in der Glockenstube finden Sie hier.

 

Und wenn Sie wissen möchten, wann welche Glocke läutet.


Verfasser: Norbert Mauch, Ltd. Baudirektor a.D., Mai 2007

Quelle: Der Verfasser, Weil im Schönbuch  Breitenstein  Neuweiler, Kirchen - Geschichte - Kunst, 1987, G.A. Ulmer Verlag, Tuningen